Essen als Übergang – Warum Kinder sofort Hunger haben
Ein Artikel von Alicia Metz-Kleine
“Ich habe sooooo Hunger. Mama, ich muss sofort was essen, sonst sterbe ich.” Na, wer kennt es? Also ich werde regelmäßig so oder so ähnlich an der Tür begrüßt, wenn das große Kind aus der Schule kommt. Den Ranzen noch auf dem Rücken, Schuhe noch an. Und auch beim kleinen Kind ist es ähnlich. Kaum sind wir zuhause, oft noch mit Spielbesuch, wird sofort nach einem Snackteller verlangt, der dann auch ratzfatz aufgefuttert wird. Fragen wie “Habt ihr nicht gerade im Hort/Kindergarten etwas gegessen?” kann ich mir sparen. Und wenn die Snackzubereitung zu lange dauert, kann die Laune ziemlich schlecht werden. Und ganz ehrlich, ich kann das gut verstehen. Ich kann mich selbst noch gut daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich früher nach einem langen Schultag endlich zuhause war. Auch heute neige ich dazu, hangry (hungry + angry) zu werden, wenn ich zu lange nichts esse, vor allem, wenn wir unterwegs sind. Zudem ist das Nachhausekommen auch eine Übergangssituation, ein großer Wechsel der Umgebung und das ist auch nicht immer einfach. Schauen wir uns heute also mal genauer an, was dahinter steckt und wie wir als Familie gut damit umgehen können …
Warum es genau dann oft Konflikte gibt
Viele Konflikte entstehen genau in diesem Moment, weil mehrere Bedürfnisse gleichzeitig aufeinandertreffen. Das Kind ist möglicherweise hungrig, überreizt, müde und emotional „voll“ vom Tag. (Wie fühlen wir uns nach einem vollen Arbeitstag?) Und gleichzeitig gibt es häufig zu Hause direkt verschiedene Anforderungen: Jacke aufhängen, Fragen beantworten, Hausaufgaben machen, Zimmer aufräumen, Hände waschen, Ranzen wegräumen, Geschwisterstreit …
Wenn aber Hunger und emotionale Überforderung zusammentreffen, sinkt schnell die Frustrationstoleranz. Ein eigentlich kleiner Auslöser kann dann schnell zu Streit führen. Been there, done that. Von mir: Vollstes Verständnis. Wenn ich den ganzen Tag unter Menschen war, bin ich auch oft völlig überreizt und möchte zuhause am liebsten erstmal kurz in Ruhe gelassen werden und ankommen dürfen. Ich finde, wir sollten uns in solchen Momenten auch immer fragen: “Was würde mir in dieser Situation gut tun?”
Körperliche und emotionale Faktoren
Es können also verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, warum Kinder beim Nachhausekommen direkt Hunger haben. Zum einen spielt natürlich der körperliche Faktor eine Rolle. Viele Kinder haben tatsächlich ein Energietief. Das Mittagessen liegt oft mehrere Stunden zurück oder es wurde im Kindergarten oder Hort weniger gegessen, weil es (mal wieder) nicht so gut geschmeckt hat. Und natürlich verbrauchen Bewegung, Lernen und soziale Interaktion viel Energie. Vielleicht kennst du das auch? Ich weiß noch, dass ich zu Unizeiten an langen Schreibtisch- und Lerntagen immer riesigen Hunger hatte. Der Blutzuckerspiegel sinkt also, und der Körper signalisiert: Nachschub bitte, aber schnell.
Total nachvollziehbar. Doch das erklärt nicht alles.
Denn es gibt auch noch emotionale Faktoren. Der Übergang von Schule oder Kindergarten nach Hause ist für Kinder ein großer Wechsel der Umgebung. In der Entwicklungspsychologie spricht man auch von Transitionsmomenten, also von Übergängen zwischen verschiedenen Lebensbereichen. Unser Alltag ist übrigens von solchen Übergangssituation geprägt. Aufstehen, in die Schule gehen, nach Hause gehen, Fernseher ausschalten, mit dem Spielen aufhören, Freund*in verabschieden. Und, und, und …
Und gleichzeitig sind Übergänge für das Gehirn extrem anstrengend. Kein Wunder also, wenn Übergänge für Kinder herausfordern sind und man ihnen das auch anmerkt. Wie können wir sie unterstützen? Mit Zeit, um sich auf die neue Situation/Umgebung einzulassen, Verständnis, Ruhe, emotionale Begleitung, ein Snack-Ritual… Zu letzterem weiter unten mehr. In der Schule oder im Kindergarten müssen Kinder Regeln einhalten, sich sozial anpassen, aufmerksam sein, Emotionen kontrollieren, ruhig sitzen, zuhören, teilen … Zu Hause fällt diese Spannung dann oft ab. Gleichzeitig sind da die neuen Anforderungen.
Der Körper sucht nach einer Möglichkeit, sich zu regulieren und Essen kann dabei eine wichtige Rolle spielen, weil es mehrere Bedürfnisse gleichzeitig erfüllt:
● es liefert Energie
● es kann sensorische beruhigen (durch kauen, schmecken)
● es bietet Verlässlichkeit durch ein festes Ritual
● es bietet soziale Nähe, Kontakt und Sicherheit
● es kann Entspannung bringen – das Gehirn braucht eine Pause und neue Energie
Ein Snack nach dem Heimkommen kann damit zu einer Art Brücke zwischen zwei Welten werden.
Deswegen bin ich absolut pro Snackteller. Manche Eltern wollen, dass nachmittags nicht mehr so viel gesnackt wird, damit die Kinder beim Abendessen besser essen. Das kann ich verstehen, aber ich denke, es ist die falsche Herangehensweise. Denn dieses „Iss doch einfach später. Es gibt bald Abendessen.“ funktioniert oft nicht und ist auch schwierig für Kinder. Der Körper verbraucht nämlich ununterbrochen Nährstoffe. Und Kinder haben einen hohen Energiebedarf – sie klettern, rennen, toben, lernen. Deswegen sind fünf Mahlzeiten über den Tag verteilt empfehlenswert (drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten, z.B. Snackteller). Ihr Körper reagiert auch noch stärker auf Blutzuckerschwankungen. Zudem braucht ihr Nervensystem vielleicht einfach gerade Regulation (siehe oben).
Ein kleiner Snack kann also helfen, Konflikte vor dem Abendessen zu vermeiden. Und man kann es auch von der praktischen Seite betrachten. Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind genug bzw. genug Nährstoffe isst. Ein guter Anhaltspunkt ist die 5 am Tag-Regel. Sie besagt, dass man zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse pro Tag essen sollte. Es darf natürlich auch mehr sein. Wenn es morgens aufgeschnittenes Obst gibt, zwischendurch zwei Snackteller, auf denen auch etwas Rohkost und Obst ist und im Mittagund Abendessen auch Gemüse enthalten ist, kommt man sogar ziemlich schnell auf die empfohlenen Portionen. Wenn auf dem Snackteller dann noch ein paar Nüsschen und Trockenfrüchte sind, sind fast alle Nährstoffe perfekt abgedeckt. Mehr zu dem Thema Nährstoffe könnt ihr übrigens hier lesen.
Ein Snack-Ritual
Also kann man diese Situation auch ganz bewusst nutzen und zum Beispiel ein festes Snack-Ritual einführen. Das kann zum Beispiel so aussehen (oder auch ganz anders – schaut, was für euch als Familie und in euren Alltag passt):
● ein fester Snackplatz (Küchentisch, eigenes Zimmer oder Sofa)
● ein kleines, vorbereitetes Snackangebot
● 15–30 Minuten Zeit zum Ankommen
● vielleicht ein kurzer Austausch über den Tag – je nach Lust und Laune – meine Kinder erzählen oft erst abends vom Tag
Egal, wie es aussieht, wir können unseren Kindern so signalisieren: Jetzt bist du zuhause und darfst erstmal ankommen. Wie schön, oder? An manchen Tagen kann es natürlich auch einfach eine Brezel sein oder ein geschnittener Apfel oder irgendetwas anderes, das ihr beim Abholen dabei habt.
Praktische Snackideen
Ja, ja. Ich weiß, was die nächste Frage ist. Welche Snacks sind empfehlenswert? Ideal sind Snacks, die Energie liefern, aber nicht zu schwer sind.
Zum Beispiel:
● Obstteller mit Nussmus als Dip
● Joghurt mit Haferflocken & Obst
● Vollkornbrot oder Maiswaffeln mit Frischkäse & Rohkost
● Gemüsesticks mit Hummus oder Quark
● ein kleiner Smoothie
● Nüsse & Trockenfrüchte als “Beilage”
● Und es darf auch eine Süßigkeit dabei sein
Eine Kombination aus Kohlenhydraten und Eiweiß sorgt oft dafür, dass die Energie länger anhält, aber auch der Genuss darf nicht zu kurz kommen. Ich versuche deswegen meistens, verschiedene Geschmäcker, Konsistenzen und Farben zu kombinieren und es gibt immer auch einige Lieblingssachen der Kinder.
Ein Rohkost/Obstteller hat auch noch weitere Vorteile. Wenn so ein Teller beim Nachhausekommen einfach so auf dem Tisch steht, wird er meist ziemlich schnell leer gegessen. Und oft werden auch Sachen gegessen oder zumindest probiert, die sonst verschmäht werden. Manche Kinder essen so besser, weil dann nicht der Fokus auf dem Essen liegt. Es herrscht weniger Druck, als wenn alle am Tisch sitzen und das Gemüse bitte probiert werden soll. Die Kinder haben so dann außerdem schon eine Portion “Bunt” gegessen, aber pappsatt sind sie dadurch auch nicht.
Übrigens kann es in schwierigen Gemüse-Phasen auch helfen, den Teller richtig schön anzurichten. Wenn die Kinder es schön finden, wird es tatsächlich eher mal probiert. Das muss natürlich nicht immer sein und wenn dafür gerade keine Ressourcen da sind, ist das absolut in Ordnung, aber wenn doch: Probier es doch mal aus. Ich mache mir übrigens auch oft richtig schöne Teller – einfach für mich, auch wenn ich alleine esse.
Mehr als nur ein Snack – Fazit
Der Hunger beim Heimkommen ist also selten nur Hunger. Er ist oft ein Zeichen dafür, dass Kinder nach einem langen Tag Energie, Regulation und Nähe brauchen. Wenn wir diesen Moment bewusst gestalten, zum Beispiel durch ein kleines Snack-Ritual, kann er zu einem schönen Übergang zwischen Schule/Kindergarten und Zuhause werden.
Und manchmal beginnt ein entspannter Nachmittag genau mit diesem einfachen Satz: „Komm, wir essen erstmal etwas. Ich habe einen Snackteller für dich gemacht.”

