Medien am Familientisch – Über Vertrauen, Achtsamkeit und Schwarz-Weiß-Denken

Medien am Familientisch – Über Vertrauen, Achtsamkeit und Schwarz-Weiß-Denken

Ein Artikel von Alicia Metz-Kleine

Sind Medien bei euch (schon) ein Thema? Und wenn ja, ein schwieriges? Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, ist Bildschirmzeit in den allermeisten Familien ein Thema, über das mal mehr, mal weniger diskutiert wird. Das hängt auch vom Alter der Kinder ab. Dass es ein kontroverses Thema ist, kann man seit Jahren in der Presse und auf Social Media verfolgen. Kürzlich durfte ich mit Nora Imlau über Medien am Familientisch sprechen – dabei ist ein lesenswertes Interview entstanden, in dem es noch um viele andere Themen geht. Heute wollen wir uns nochmal einen Überblick verschaffen. Was wird aktuell diskutiert? Welche Rollen spielen Medien am Familientisch? Und welche Ideen gibt es, um einen guten Umgang damit zu finden? Los geht’s. 

Zwischen Kritik und Chance – die gesellschaftliche Diskussion 

Die Debatte über Smartphones ist aktuell sehr lebhaft. Und das ist gut. Viel zu lange wurde das Thema vernachlässigt und noch immer besteht viel Nachholbedarf, was Medienkompetenz & Co. angeht. Die Gefahr an der derzeitigen Diskussion ist allerdings, dass schnell ein Schwarz-Weiß-Denken entstehen kann. 

Ähnlich ist es generell mit dem Thema Bildschirmzeit. Als ich vor 10 Jahren zum ersten Mal Mutter geworden bin, haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, ab wann unsere Tochter zum ersten Mal etwas gucken darf. Und wir haben auch viele warnende und vorwurfsvolle Stimmen gehört. Letztendlich haben wir mit drei Jahren kurze Bildschirmzeiten eingeführt. Gleichzeitig ist sie damit aufgewachsen, dass sie ihre Bezugspersonen oft mit einem Handy in der Hand gesehen hat. Ihre kleine Schwester hat übrigens sehr viel früher schon etwas geguckt. Dafür gibt es viele verschiedene Gründe und all das zeigt auch, wie komplex das Thema ist. Wie sind die Umstände? Gibt es Geschwister? Welche emotionalen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen stehen zur Verfügung? Um nur einige Punkte zu nennen, die bei der Mediennutzung eine Rolle spielen können. Und auch die wissenschaftliche Studienlage ist nicht so eindeutig, wie viele sich das vielleicht wünschen würden. 

Was die Wissenschaft dazu sagt, hat Nora Imlau in unserem Interview sehr gut zusammengefasst:

Die Studienlage zum Thema Kinder und Bildschirmmedien ist hochkomplex und es gibt keine Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt, die sagen würden „Bildschirme und Kinder sind total unproblematisch. Egal was man macht, da kann nichts passieren.“ Aber nirgendwo sonst werden aus der aktuellen Forschung so restriktive Schlüsse gezogen wie in Deutschland. Und wenn man sich die Studienlage genauer anguckt, kann man auch zu dem Schluss kommen, dass Medien ganz große Potenziale bergen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Medien können die Weltsicht bereichern und Sprachentwicklung fördern. Sie können Verbindungen zwischen Familienmitgliedern stärken, wenn gemeinsam Sendungen geschaut werden und man darüber ins Gespräch oder ins Spiel kommt. Es gibt ganz viele positive Potenziale von Kindermedien, über die in Deutschland fast gar nicht gesprochen wird. Es gibt gleichzeitig Risiken, die mit Medienkonsum einhergehen können und da gibt es vor allem zwei große Faktoren. Der eine ist, wenn Kinder Programme schauen, die nicht für ihr Alter geeignet sind. Das kann problematisch und entwicklungspsychologisch schädlich für Kinder sein. Und der zweite Risikofaktor ist, wenn der Medienkonsum überhand nimmt und dadurch den Raum einnimmt, der dann den Kindern an anderer Stelle für Entwicklungserfahrungen fehlt.

— Nora Imlau

Also: Ja, es gibt definitiv kritische Punkte, aber auch große Potenziale. Entscheidend ist, wie wir Medien nutzen. Es soll heute aber gar nicht um das große Ganze gehen, also…. 

Zurück an den Familientisch – Medien & Essen 

Bildschirmmedien am Esstisch beeinflussen das Essverhalten deutlich. Bei Kindern sind die Effekte meist noch stärker, weil sie leichter ablenkbar sind und weniger gut regulieren können, wann sie satt sind. Durch die Ablenkung achten sie weniger auf ihr Sättigungsgefühl. Die meisten essen dann mehr, als sie brauchen. Manche essen durch die Ablenkung aber auch schlechter. Gleichzeitig kann die Gewöhnung an „Essen mit Bildschirm“ ungesunde Routinen fördern und spätere medienfreie Mahlzeiten erschweren. Das gilt aber nur, wenn wirklich ganz regelmäßig die Mahlzeiten vor dem Bildschirm eingenommen werden. 

Insgesamt führt regelmäßiges Essen vor Fernseher, Tablet oder Smartphone zu einer schlechteren Ernährungsqualität und weniger familiärer Kommunikation. Zudem fallen dadurch auch Lernmöglichkeiten weg, also Momente, in denen neue Lebensmittel bewusst probiert werden. So weit, so negativ. Es gibt jedoch ein großes ABER. 

Denn natürlich gehören Medien längst zu unserem Alltag. Sie können zur Entlastung beitragen und für Entspannung sorgen. An manchen Tagen kann so ein Familienessen abends nämlich auch einfach zusätzlich Stress für alle bedeuten. Es kommt also wieder auf das WIE an.

Bei dem gesamten Thema dürfen wir immer wieder auch unsere kulturellen Prägungen und Glaubenssätze hinterfragen. Was ist denn eigentlich eine “richtige” Familienmahlzeit? Welches Bild haben wir davon? Vor allem sollten wir andere Eltern nicht bewerten oder verurteilen, die andere Wege gehen als wir. Und wir dürfen schauen und entscheiden, was für uns als Familie und für unsere Situation gut passt und realistisch ist. 

Tipps für einen achtsamen Umgang mit Medien am Familientisch

  • Medienfreie Zeiten einführen: z. B. kein Handy/Tablet beim Abendessen.
  • Regeln gemeinsam aufstellen: Kinder beteiligen stärkt das Miteinander und die Selbstwirksamkeit. 
  • Vorbild sein: Wir Eltern sollten selbst zeigen, wie “Abschalten” geht.
  • Bewusste Medienmomente schaffen: Bei den einen können das feste Medienzeiten sein, bei anderen ein wöchentlicher Filmabend. 
  • Über Medien reden: Hier gilt – Austausch statt Kontrolle. Das ist natürlich wichtig, wenn die Kinder größer werden, aber man darf das schon ganz früh etablieren. 

Achtsam, aber vertrauensvoll – über Medienkultur in der Familie 

Ähnlich wie bei anderen Ernährungsthemen spielen auch hier Vertrauen und Vorbilder eine wichtige Rolle. Die Frage, ob Medien am Tisch „erlaubt“ sind, greift nämlich oft viel zu kurz. Viel wichtiger ist die Haltung, mit der wir als Familie über Medien sprechen und damit umgehen. Anstatt zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden, kann man gemeinsam überlegen: Wann tun Medien uns gut – und wann stören sie? Wann unterstützen sie uns? Wann sind sie zu viel? 

Ein vertrauensvoller und respektvoller Umgang bedeutet, Kinder und Jugendliche mit einzubeziehen. So können alle Familienmitglieder ihre Perspektive einbringen: Vielleicht braucht das größere Kind nach einem langen Schultag einfach eine kurze Pause mit Musik, bevor das Essen beginnt. Vielleicht will es auch dabei essen und alleine sein. Oder die Eltern möchten beim Abendessen bewusst offline sein, um abzuschalten. Gemeinsame Gespräche darüber schaffen Klarheit – und gegenseitiges Verständnis. Natürlich kindgerecht und dem Alter entsprechend. 

Außerdem wissen wir, dass Kinder viel durch Beobachtung lernen. Wenn Eltern beim Abendessen selbst E-Mails lesen, Nachrichten checken oder Social-Media-Feeds scrollen, sendet das eine klare Botschaft. Und so wird das, was eigentlich verboten oder unerwünscht ist, unbewusst vorgelebt. 

Eine bewusste Medienkultur in der Familie beginnt deshalb nicht mit Verboten, sondern mit unserer eigenen Haltung. Eltern, die zeigen, dass sie das Handy auch mal beiseite legen können, vermitteln Achtsamkeit und Präsenz. Ein einfaches Ritual – zum Beispiel, alle Geräte vor dem Essen auf lautlos zu stellen oder außer Reichweite zu legen – kann mehr bewirken als jede Erziehungsmaßnahme. Und dabei gilt: Ein medienfreier Esstisch ist wertvoll, aber nicht heilig. Es darf Tage geben, an denen man die Regeln bewusst bricht. Ein Couchabend mit Pizza und einem Film, gemeinsames Anschauen einer Doku beim Abendessen oder das Durchsehen von Urlaubsfotos auf dem Laptop – all das kann ja auch Nähe schaffen und Verbindung. Es geht, wie so oft, um Balance: Der Familientisch soll kein Ort der Verbote sein, sondern einer der Begegnung – manchmal mit, meist aber ohne Bildschirm.

Studien & Linktipps

  • Initiative SCHAU HIN! – Medienratgeber für Familien 
  • Verein Smarter Start ab 14 e.V. – Zur Vernetzung und zum Austausch von Eltern
  • Studie: Television viewing and using screens while eating: associations with dietary intake in children and adolescents (2021) 
  • Studie: Association between watching TV whilst eating and dietary intake and weight status in children (2019) 
  • Studie: The social media diet: A scoping review to investigate the association between social media, body image and eating disorders amongst young people (2023) 
  • Interview: Social Media & Körperbild
  • Video: Tobi Krell erklärt Mediensucht
  • Video: Der Handy-Check | Reportage für Kinder | Checker Tobi 

Bücher

  • Elisabeth Koblitz – „Aber alle haben ein Smartphone! So begleiten wir unsere Kinder entspannt und sicher im Umgang mit Handy, Social Media und Co.” 
  • Niko Kappe „Generation TikTok. Keine Angst vor Social Media und KI – Wie wir unsere Kinder in die digitale Zukunft begleiten“ 
  • Leonie Lutz & Anika Osthoff – „Begleiten statt verbieten. Als Familie kompetent und sicher in die digitale Welt“ 
  • Leonie Lutz & Mareike Frede – „Verstehen statt verlieren: Erste Hilfe für die Smartphone-Pubertät“
  • Patricia Cammarata – “Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!: Mit Kindern tiefenentspannt durch den Mediendschungel”

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