„Advent, Advent, die Mutter rennt“ – Interview mit Hanna Drechsler

„Advent, Advent, die Mutter rennt“ – Interview mit Hanna Drechsler

Über Mental Load, Care-Arbeit und die Chancen von Equal Care

Es ist 11 Uhr und ich sitze endlich am Schreibtisch. Heute Morgen war ich schon mit meiner großen Tochter beim Plätzchen backen in der Schule. Gestern war morgens Kerzenziehen im Kindergarten. Adventskalender, Wichtel, Weihnachtsvorbereitungen, Weihnachtsfeier, Besuch auf dem Weihnachtsmarkt und und und. Die Vorweihnachtszeit ist oft voll und stressig und leider für Eltern (vor allem Mütter) wenig besinnlich. Viele erleben den Dezember als Hochzeit für Care-Arbeit und Mental Load. Aktuell stecken wir schon mittendrin. Was können wir jetzt noch machen, um diese Zeit ein bisschen zu entzerren und mit mehr Entspannung durch die letzten Wochen des Jahres zu kommen? Das habe ich Hanna Drechsler gefragt. Hanna ist Kulturwissenschaftlerin, systemische Beraterin und Coachin für Vereinbarkeit und Equal Care. Wir haben außerdem darüber gesprochen, wie man damit anfangen kann, die eigene Beziehung fairer zu gestalten und warum sich das lohnt. 

Liebe Hanna, wir stecken schon mittendrin in der Vorweihnachtszeit und die meisten Mütter, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, waren vor allem eins: gestresst. Wie kommen wir da ein bisschen raus? Gibt es Notfall-Strategien? 

Hanna Drechsler: Das erste, was man machen kann, ist kurzfristig zu schauen, was sich entzerren lässt. Müssen oder wollen wir wirklich alles von dem, was heute oder diese Woche ansteht? Können wir Dinge vielleicht auch absagen oder ins neue Jahr verschieben? Neben all den zusätzlichen Sachen in der Adventszeit, geht ja auch der normale Alltagswahnsinn weiter. Da darf man sich fragen, ob eine zusätzliche Veranstaltung oder Verabredung wirklich sein muss. Oft müssen in dieser Jahreszeit kurzfristig Pläne geändert werden, weil jemand krank wird. Aber man darf auch ohne Krankheit etwas absagen, auch kurzfristig. Das erste ist also: entschlacken, was zu entschlacken geht. Dann würde ich sagen, dass es auch wichtig ist, auf die eigenen Kraftquellen zu gucken. Auch wenn das so kurzfristig natürlich oft schwierig ist. Deswegen ist es sinnvoll, schon langfristig für den Dezember Pausen und Puffer einzuplanen. Aber auch jetzt kann man noch gucken, wie man Minipausen in den Alltag integrieren kann – auch wenn es nur zehn Minuten sind. In Ruhe einen Kaffee trinken, sich aufs Sofa legen oder ins Bett. Dieses Innehalten ist einfach so wahnsinnig wichtig. Denn das Tempo ist gerade einfach so hoch und solche Minipausen können dann eine kurze Unterbrechung sein. Manchmal ist es gut, sich dafür wirklich einen Timer auf dem Handy zu stellen. Da muss man sich selber gut kennen, um zu wissen, wann ist das sinnvoll? Wann passt das in meinen Tag? Und dann hat man ein paar Minuten, um bewusst zu atmen und einen Minicheck mit sich selbst zu machen und sich zu fragen: Wie geht es mir denn überhaupt? Nur dann kann ich ja überhaupt weiter handlungsfähig bleiben und gucken, was die nächsten Schritte sind. Die Minipausen können dabei helfen, diese Kopflosigkeit und dieses Hetzen nicht noch weiter zu fördern. 

Und drittens kann man schauen, wie man sich über Hilfen noch weiter entlasten kann. Wer kann zum Beispiel etwas besorgen? Wie kann man sich als Paar gegenseitig entlasten? Oder auch Nachbar*innen oder befreundete Eltern? Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, aber man braucht dafür das Bewusstsein und muss sich auch trauen zu fragen: „Würdest du mir das mitbringen?“ In der Schule hatten wir neulich eine Situation, wo eine andere Mutter sowieso in den Schreibwarenladen musste und uns dann etwas mitgebracht hat. Uns erspart das dann den Weg und viel Zeit. 

Oft liegt diese zusätzliche Arbeit in der Weihnachtszeit ja bei den Müttern und Frauen. Wie kann man als Paar mit diesem Thema starten? Und wie schafft man es, sich gerechter aufzuteilen? 

Hanna: Erstmal ist es wichtig zu verstehen, dass das ganz viel mit den Rollenbildern zu tun hat, mit denen wir sozialisiert worden sind und die wir verinnerlicht haben. Mütter fühlen sich verantwortlich für die Zufriedenheit der Familienmitglieder und werden auch dafür verantwortlich gemacht. Ich habe neulich einen Post gesehen “Santa is a woman”. Und das bringt es gut auf den Punkt. Es ist die Mutter, die Weihnachten organisiert. Und je nachdem, wie man Weihnachten feiert, kann das alleine schon eine Vollzeitstelle sein. In der Weihnachtszeit kann man diese Zuspitzung sehen und wie viel Arbeit das einfach ist. Es sind ganz viele praktische, sichtbare Dinge und To dos, aber auch ganz viel Unsichtbares, was Mental und Emotional Load betrifft. Wie zum Beispiel das verantwortlich fühlen für den Inhalt des Adventskalenders und den Zauber und die Magie, die mit solchen Ritualen und Traditionen einhergeht. 

Damit ist einfach auch viel Schmerz und Leid, Traurigkeit und Wut bei den Frauen verbunden. Drei Tage vor Weihnachten ist wahrscheinlich nicht der beste Zeitpunkt, um über so grundsätzliche Themen zu sprechen. Aber es kann ein guter Zeitpunkt sein, um das zu merken und sichtbar zu machen und sich vorzunehmen, nach Weihnachten darüber zu sprechen. Dann hat man nämlich auch viele konkrete Beispiele, um ins Gespräch zu gehen. Und Mütter dürfen da auch ihre Gefühle zeigen. Das kann auch ein guter Anstoß für Veränderung sein, dass man die Erschöpfung und die Traurigkeit zeigt und sagt: “Boah nee, so will und kann ich das nicht mehr.” Dabei hilft es auch, eine Vision zu haben und formulieren zu können, was man sich beispielsweise für das nächste Jahr wünscht. 

Oft braucht man erst eine Art Nullpunkt oder eine Feststellung, wie man es nicht mehr machen will. Und von dort geht es dann weiter. Idealerweise kann man dann im nächsten Jahr rechtzeitig mit der Planung beginnen, also zum Beispiel im Oktober. 

Und je nachdem, wie man Weihnachten feiert, kann das alleine schon eine Vollzeitstelle sein

— Hanna Drechsler

Wie kann das genau aussehen? 

Hanna: Ab Erntedank oder Halloween kommt ja eine ganze Reihe an Festen und Anlässen. Da kann man dann sehr schön auflisten, was für jedes Fest zu tun ist und welche Extraaufgaben da noch dazukommen. Adventsrituale, Nikolaus, Weihnachten… Es ist natürlich super individuell, wie groß und umfangreich das ist. Abhängig von der Größe der Familie und wie man feiert. Aber es hilft jedem Paar, wenn man das alles sichtbar macht. Also wenn alle Punkte, Aufgaben und auch die Verantwortlichkeiten aufgeschrieben und aufgeteilt werden. Wer hat bei was die Chef*innen-Rolle und wie verteilen wir die To dos? Da gibt es dann natürlich tausende Möglichkeiten. Und es ist wirklich verrückt, was da alles zusammenkommt: Geschenke, Essen, Organisation …

Diese Themen gibt es aber tatsächlich das ganze Jahr. Rund um den Familientisch gibt es ja auch wahnsinnig viel Mental Load und Care-Arbeit. Wer kauft ein? Was wird gekocht? Welche Vorräte sind noch da? Was muss alles berücksichtigt werden? Und wer ist für die ganze Planung verantwortlich? Auch da ist dieses Sichtbarmachen so wichtig. Du begleitest ja Mütter und Paare dabei, ihre Elternschaft gleichberechtigter und selbstbestimmter zu gestalten. Wie kann man denn ganz grundsätzlich anfangen, sich fairer aufzuteilen? 

Hanna: Das ist ganz verschieden. Ich trenne bei meiner Arbeit immer zwischen Elter-Paar und Eltern-Team-Ebene. Beides bedingt sich logischerweise gegenseitig und man kann nicht so eindeutig oder pauschal sagen, auf welcher Ebene man starten sollte. Das ist wirklich individuell. Bei manchen ist es sinnvoller, auf der Eltern-Paar-Ebene anzufangen und erstmal das Bewusstsein und Verständnis zu schaffen, für Ressourcen und Möglichkeiten und auch für das Thema Ungerechtigkeit. Dabei geht es auch um Augenhöhe in der Beziehung. Denn ein großes Ungleichgewicht ist einfach überhaupt nicht beziehungsförderlich. Denn da kann eine ungute Beziehungsdynamik entstehen. Deswegen ist es bei manchen Paaren sinnvoll, mit der Beziehungsebene anzufangen oder diese erstmal zu stärken. Das kann auch in Form einer Vision sein. “Guck mal, das wünsche ich mir für uns.” Das ist nämlich sehr viel kraftvoller als mit den schlechten Seiten anzufangen und mit all dem, was nicht gut läuft. 

Bei anderen passt es besser, auf der Eltern-Team-Ebene anzufangen und darüber erste Schritte einzuleiten und danach dann erst auf die Beziehungsebene zu gehen. Aber letztendlich braucht es immer beides. Mit was man startet, ist auch ein bisschen Typsache. Manche kommen besser mit dieser pragmatischen Orga-Ebene zurecht. Was ist alles zu tun? Und wer macht was? Und das kann auch ein guter Einstieg sein. Dadurch entsteht dann auch ein Bewusstsein für viele Dinge. Um mit einem Beispiel am Familientisch zu bleiben: Wenn der Mann einkauft, aber die Frau die Einkaufsliste dafür schreibt, liegt immer noch ganz viel Arbeit bei ihr. Und dann kann man sich überlegen, wie man das anders machen kann. 

Erstmal klingt es ja nach wahnsinnig viel zusätzlicher Arbeit. Warum lohnt es sich trotzdem, sich fairer aufzuteilen? 

Hanna: Ja, das ist erstmal Arbeit, von der man aber langfristig total profitiert. Aus der Erwerbsarbeit kennen wir das ja auch. Wenn es dort veraltete Strukturen gibt, die man nie verändert, dann läuft es zwar weiter, aber es ist chaotisch und alle ärgern sich und sind unzufrieden. Deswegen setzen dann ja auch viele Unternehmen neue Prozesse auf und führen neue Systeme ein. Da ist es ganz normal, dass erstmal in die Arbeit und die Kultur investiert wird. Es gibt Workshops und alle erarbeiten das gemeinsam, damit es danach besser und leichter läuft. Langfristig zahlt sich das auch. Und auch in Familien lohnt es sich, die Arbeitslast fairer zu verteilen. Man kann sich aber auch fragen: „Wo landen wir, wenn wir das, wie wir es jetzt machen, so weiter machen? In einem Jahr, in fünf Jahren, in zehn Jahren? Haben wir dann noch eine Beziehung und oder wie geht es dann jedem Familienmitglied?“ Diese Denkaufgabe kann manchmal schon eine ziemlich schnelle Antwort liefern. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass all das ja Beziehung ist. All das ist unser Leben. 

Wie meinst du das? 

Hanna: Essen machen, Kinder versorgen, einkaufen, putzen… All diese Arbeiten werden durch patriarchale Strukturen abgewertet. Das nennt man „Care Shaming“. Und dadurch bleibt diese Arbeit auch unsichtbar. Wenn wir uns Weihnachten anschauen: Wichtelkind, Nikolaus, Weihnachtsmann, Christkind. Das alles soll unsichtbar sein, letztendlich, um so einen Zauber des schönen Zuhauses aufrecht zu erhalten. Wunderbar aufgeräumt, mit schönem Essen auf dem Tisch. Man soll aber nicht sehen, wie viel Dreck es gemacht hat, das Essen da hinzustellen. Und genau dadurch erhalten wir „Care Shaming“, die Abwertung weiblich konnotierter Arbeit. Deswegen hat es eine politische Dimension zu sagen: „Nee, das ist aber nicht so! Damit wollen wir nicht weitermachen.“ Sichtbar machen ist politisch. 

Und das meine ich auch damit, dass das alles unser Leben ist. Diese Perspektive ist wichtig – dass wir anerkennen, dass wir uns über Windelgrößen unterhalten oder über Krankheiten und über Essen machen und Hobbys von Kindern und was da wohl passend ist. Das wird schnell als nervig empfunden oder als „Mutti Talk“ abgetan. Aber das ist Familienleben. Wenn wir uns mit Equal Care beschäftigen, dann erkennen wir an, dass das unser Leben ist und dass das Beziehung ist und unser Familienleben ausmacht. Und wenn wir es schaffen, das anzunehmen, leben wir die ganze Zeit in Beziehung. Dann brauchen wir keine extra Paarzeit oder Familienausflugszeit, dann ist der ganze Prozess das gemeinsame Bad zu putzen unser Leben und dann können wir darin sehr viel Freude miteinander haben. 

Vielen Dank für das spannende Interview, Hanna! 

Wenn ihr euch jetzt auch (mehr) mit dem Thema Equal Care auseinandersetzen wollt, dann schaut doch mal auf dem Instagram Kanal von Hanna vorbei. Sie macht einen sehr hörenswerten Podcast, in dem sie Impulse für eine feministische Elternschaft teilt. Für Eltern, die Haus- und Care-Arbeit in der Familie fair aufteilen wollen, gibt es eine Elternteam-Meeting-Checkliste. Und im Januar startet wieder ihr „Eltern als Team“ Onlinekurs.

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