Ernährungstrends – Was Social Media mit unserem Familientisch macht
Ein Artikel von Alicia Metz-Kleine
Auf Social Media begegnen uns täglich neue Ernährungstrends: perfekt angerichtete Bento-Boxen, zuckerfreie Muffins aus Hafermehl und „clean“ gekochte Familiengerichte. Und irgendwo zwischen Beikoststart, Kita-Snacks und dem Versuch, jeden Tag etwas „ausgewogenes“ auf den Familientisch zu bringen, wächst ein leiser Druck: Mache ich das eigentlich richtig? Ernährung war schon immer ein emotionales Thema. Doch Social Media hat sie in etwas verwandelt, das ständig optimiert, verglichen und kommentiert wird. Essen ist nicht mehr nur Nahrung, es wird zum Statement. Für Gesundheit, Disziplin und auch „gute“ Elternschaft. Dass das schnell in Druck und Stress umschlagen kann, ist eigentlich logisch. Deswegen gucken wir uns das Thema heute ein bisschen genauer an und überlegen, wie ein gesunder Umgang damit aussehen kann.
„Alle anderen schaffen das doch auch.“
Ernährung ist heute ein öffentliches Thema geworden. Wir holen uns Inspiration und Tipps bei Influencer*innen, Expert*innen, in Storys, Reels und tauschen uns in Kommentarspalten aus. Was sich dadurch auch verändert hat: Ernährung wird nicht mehr nur gegessen, sie wird bewertet. Dabei ist es manchmal ein schmaler Grat zwischen Inspiration und Druck. Zwischen liebevoll und perfektionistisch.
Natürlich habe ich mich auch schon von Deko-Ideen für den Kindergeburtstag inspirieren lassen und ich habe schon unzählige Rezepte nachgekocht und einige richtig coole Hacks übernommen. Und wir wollen euch mit Neulich am Familientisch ja auch regelmäßig inspirieren und bereichern. (Hoffentlich gelingt uns das meistens ohne Druck.)
Wenn ich aufwendige Gerichte und schön dekorierte Teller sehe, bunte Brotdosen mit 10 verschiedenen Lebensmitteln darin, aufgeräumte Küchen (und Wohnungen!) – dann gibt es schon manchmal diesen kurzen Moment, in dem ich mich schlecht fühle. Oder ungenügend. In dem ich denke: „Warum kriegen das alle eigentlich besser hin als ich?“ Kennst du das auch?
Dabei stimmt das ja gar nicht. Wie heißt es so schön: „Unter jedem Dach ein Ach“. Was wir auf Social Media sehen, sind natürlich nur klitzekleine Ausschnitte eines Alltags, die sehr überlegt ausgewählt, kuratiert und manchmal sogar inszeniert werden. Natürlich gibt es in anderen Familien auch Wutanfälle, Nudelwünsche 5x die Woche und Geschwisterstreit. Natürlich sind auch andere Küchen unaufgeräumt und es gibt mal Fertiggerichte. Nur: Das vergessen wir manchmal, wenn wir ununterbrochen etwas anderes sehen. Und Algorithmen verstärken unsere Sehgewohnheiten noch.
#fürmehrrealitätaufinstagram
Deswegen bin ich immer dankbar für Accounts, die „ehrliche“ Einblicke zeigen. Ehrlich in Anführungszeichen, weil natürlich auch diese Ausschnitte bewusst gewählt werden. Aber wenn Wiebke @piepmadame ihre chaotische Küche zeigt oder Katja @kakaoschnuten ihren Fertigteig (sie hat schon vor Jahren #ehrlicheresstisch etabliert) dann fühle ich mich an manchen Tagen ein bisschen weniger allein. Und ich glaube, dass es vielen so geht. Ich habe auch schon das Feedback bekommen, dass meine Wochenpläne so toll sind, weil sie realistische Gerichte für Familien abbilden und Menschen erleichtert sind, weil ich auch unsere TK-Pizza zeige. So etwas freut mich immer sehr. Genau deswegen versuchen wir das auch immer bei unserem Content für Neulich am Familientisch mitzudenken.
Denn es gibt wirklich absurde Videos in der großen weiten Welt der sozialen Medien. Ich habe neulich ein Video gesehen, in dem eine Mutter ihre Kinder um 5 Uhr morgens weckt – für ihre fast 2 stündige Morgenroutine inklusive Haare wasche & stylen und Sushi-Frühstück um 07:15 Uhr. Zum Glück spielt mir mein Algorithmus so etwas nicht in die Timeline, es war eine witzige Reaktion auf das Video.
Wenn aus „gesund“ etwas ganze anderes wird
Und es gibt wirklich einige Inhalte, die man mit Vorsicht genießen sollte. Denn in den sozialen Medien gibt es schon seit einer ganzen Weile eine regelrechte Kehrtwende was Körperbilder, Gesundheit und Ernährung angeht. Bei einigen Accounts sieht man das ganz offensiv, bei anderen eher subtil. Es wird gezeigt, wie Sport gemacht wird und wie man sich gesund ernährt, #whatieatinaday. Und für jede Zielgruppe gibt es die passenden Accounts, auch für Mütter und Familien. Deswegen lohnt es sich, immer genau hinzuschauen. Was wird mir da gerade wirklich gezeigt? Geht es um eine realistische und ausgewogene Ernährung? Oder sind es Diätkonzepte und restriktive Routinen, die als Wellness und Selbstfürsorge „verkauft“ werden?
Die Idee, möglichst viele unverarbeitete Lebensmittel zu essen, ist ja grundsätzlich erstmal gut, aber sobald das Thema moralisch aufgeladen wird, ist es problematisch. Denn was ist das Gegenteil von Clean Eating, um einen Trend der letzten Jahre zu nennen. Dirty? Essen ist einfach erstmal nur Essen.
Problematisch ist auch, dass Essen und Ernährung in Social Media fast immer auch mit Aussehen und Körperbildern verknüpft ist. Ob wir wollen oder nicht. Verschiedene Studien belegen, dass sich die Social Media Nutzung negativ auf das eigene Körperbild auswirkt. Besonders dann, wenn wir viele Inhalte konsumieren, in denen das Aussehen eine Rolle spielt, bewusst oder unbewusst. Jeder Mensch vergleicht sich, das ist erstmal etwas ganz normales. Vergleiche dienen auch der Orientierung, aber wenn wir tagtäglich ein unerreichbares Idealbild von etwas sehen, wird es schwierig und belastend.
Hinzu kommt nämlich, dass viele Routinen, die wir in den sozialen Medien sehen, völlig unrealistisch für die meisten Normalsterblichen sind. Entweder aus zeitlichen Gründen oder aus finanziellen. Es braucht enorm viele Ressourcen, den „perfekten und gesunden Alltag“ tagtäglich zu leben. Und auch Privilegien spielen dabei eine große Rolle.
Was geht mich das an?
Warum spielt das Thema am Familientisch überhaupt eine Rolle? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind Eltern (besonders Mütter) sehr empfänglich für Schuldgefühle und oft auch verunsichert. Besonders am Anfang. Was ist besser? Baby-led weaning? Brei? Und so geht es weiter, neue Themen gibt es immer. Zucker, Weizen, verarbeitete Snacks … Isst mein Kind zu wenig Gemüse? Zu viele Süßigkeiten?
Essen kann dann zu einem zusätzlichen Projekt werden. Durch einen extremen Fokus auf gesundes Essen kann sogar eine regelrechte Angst vor „falschem“ Essen oder vor Zucker entstehen. Und manche Accounts schüren diese Ängste sogar ganz offensiv. Dadurch kann es passieren, dass Regeln plötzlich wichtiger werden und man den Blick für die eigenen Bedürfnisse oder die des Kindes verliert. Genuss bleibt auf der Strecke und Druck entsteht.
Viele Eltern sind in den sozialen Medien eigentlich auf der Suche nach Tipps, Austausch und Entlastung, finden aber Vergleiche, Bewertungen und Idealvorstellungen. Das führt natürlich zu Stress. Und auch die mentale Last steigt enorm, wenn ich mich bei jedem Essen frage: Was darf rein? Was ist nicht gut für mein Kind? Und unbewusst kann sich diese Anspannung auch auf die Stimmung am Familientisch übertragen. Kinder haben sehr feine Antennen.
Das alles kann zu Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und Scham führen. Deswegen möchte ich gerne an ein Zitat von Nora Imlau erinnern: „Ernährung ist moralisch neutral.“ Damit ist gemeint, dass die Wahl der Lebensmittel nichts über unseren Wert als Eltern oder die Liebe zu unseren Kindern aussagt.
Die Brotbox als Statussymbol
Die Brotbox ist ein schönes Beispiel für diese Entwicklung, die in den letzten Jahren auch schon vielfach diskutiert wurde. Es gibt eine richtige Brotdosen-Kultur in den sozialen Medien. Bento-Ästhetik, Food-Picks, Obst in Sternform…
Was dabei oft unerwähnt bleibt: Diese schicken Edelstahl-Brotdosen mit vielen Fächern und Einsätzen sind ziemlich teuer. Es ist extrem zeitaufwendig, all diese Kleinigkeiten zuzubereiten und wer hat bitte all diese Zutaten immer zu Hause? Ob das Kind das alles isst, steht nochmal auf einem anderen Blatt.
Zudem sind Alltagsmorgen in Familien oft schon stressig genug. Ich bin meistens froh, wenn die Kinder pünktlich aus dem Haus sind, wir nichts vergessen haben und sie überhaupt etwas in der Brotdose haben. Und meistens habe ich selbst da weder gefrühstückt noch Kaffee getrunken.
Und auch wenn uns diese Videos unterschwellig etwas anderes suggerieren, die Füllung der Brotbox sagt erstmal nichts über unsere Qualitäten als Eltern aus!
Ich will damit übrigens nicht sagen, dass es egal ist, was Kinder in der Brotdose haben. Überhaupt nicht. Und ich weiß, dass das wirklich ein schwieriges Thema ist. Aber das lösen wir nicht, indem wir uns damit überbieten, wer die krasseste Brotbox hat. Man kann auch ein ausgewogenes und nährstoffreiches Pausenbrot machen, das trotzdem einfach und kostengünstig ist. Und dann sollten wir uns lieber mit der Frage beschäftigen, wie wir das allen Kindern ermöglichen können. Auch denen, die hungrig in die Schule kommen und die keine Eltern haben, die sie morgens begleiten.
Essen als Bewertungssystem
Ich habe schon ganz oft darüber geschrieben, dass es nicht hilfreich ist, wenn wir Lebensmittel in „gut“ und „schlecht“ einteilen, in „gesund“ und „ungesund“. Kinder übernehmen schnell diese Kategorien. Warum das sogar eher kontraproduktiv ist und zu Machtkämpfen, picky eating und einem schlechteren Körperbild führen kann, habe ich hier ausführlicher aufgeschrieben.
Und dabei sollten wir nicht vergessen: Essen mehr ist als Nahrungsaufnahme. Es ist Kommunikation, Nähe, Sicherheit, Kultur, Alltag, Bindung… Deswegen kann es zweitrangig sein, was auf dem Teller liegt. „Gesund“ bedeutet nämlich auch: entspannt, regelmäßig, gemeinsam. Es kommt sowieso auf die Balance an und das große ganze Bild, und nicht auf einzelne Mahlzeiten. Ja, vielleicht werden sehr oft nur Nudeln ohne alles gegessen, aber dafür gibt es immer ganz bunte Snackteller – um nur ein Beispiel zu nennen.
Wie geht’s besser? (ohne erhobenen Zeigefinger)
Ich weiß, dass das manchmal leichter gesagt als getan ist… Vor allem wenn man sich Sorgen macht. Aber Gelassenheit und Vertrauen sind gute Grundprinzipien am Familientisch. Deswegen kommen hier ein paar Erinnerungen:
- Vielfalt bei der Lebensmittelauswahl muss nicht bei jeder Mahlzeit stattfinden – Schaut doch mal eine ganze Woche an und nicht nur einen einzelnen Tag
- Ernährung soll nicht moralisch aufgeladen werden (deine eigene übrigens auch nicht)
- Die einzige akzeptable Diät: Social-Media-Diät. Entfolge Accounts, die nicht gut tun oder Druck erzeugen
- Beziehe dein Kind immer wieder mit ein (einkaufen, kochen, mitentscheiden …)
- Essen muss nicht „instagrammable“ sein. Es darf auch einfach und unspektakulär sein. Mein Lieblingsbeispiel: Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Super easy und „gesund“.
Vielleicht ist das größte Problem an Ernährungstrends nicht, dass sie neue Regeln aufstellen, sondern dass sie Eltern das Gefühl geben, ohne diese Regeln würden sie ihre Kinder schlechter ernähren oder sogar gefährden. Dabei brauchen Kinder keine perfekten Mahlzeiten, keine makellosen Brotdosen und auch keine Eltern, die sich jeden Tag durch Nährwerttabellen kämpfen. Sie brauchen Vorbilder, die Essen nicht als Leistung verstehen, sondern als etwas Selbstverständliches: Genuss, Alltag, Kultur, Beziehung.
Denn was wir unseren Kindern mitgeben, ist nicht nur, ob Vollkorn- oder Weißbrot besser ist. Sondern ob Essen mit Druck verbunden ist oder mit Vertrauen. Und vielleicht ist genau das die gesündeste Botschaft, die am Familientisch entstehen kann: Du darfst satt werden. Du darfst genießen. Und du musst dabei nichts beweisen oder Angst haben, etwas falsch zu machen.

